Was ist Schnee? – Fragen vom anderen Ende der Welt

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Wie beschreibt man Schnee? Jemandem, der die unbarmherzige Kälte eines grauen Frühwintertages nicht kennt? Jemandem, der nie diese Taubheit gespürt hat, die sich bei einem Winterspatziergang tückisch in unsere Finger schleicht und das wohlige Behagen, sie unter dem warmen Licht der Glühlampe an einer Tasse Kakao endlich aufzuwärmen? 
Als ich in Malawi mit Ngema, unserem Bootsführer auf Deck sitze und mich mit ihm unterhalte, wird mir klar, wie unterschiedlich unsere Lebensräume doch sind, unsere Sicht auf die Welt, unsere Erfahrungen. Es ist absolut beeindruckend. Ja und wie beschreibt man Schnee nun?

Ngema will nach Deutschland. Oder Amerika. Dort geht es den Menschen gut. Sie haben viel Geld, um ihre Familie zu ernähren, denn sie arbeiten in Büros an Computern, manche haben sogar ein Auto. Sie kleiden sich elegant. Ngema lebt in Malawi. An einem der schönsten und zugleich ärmsten Orte der Welt, besitzt er eine 3×3 qm Hütte – ein Zimmer, keine Toilette – die er mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter bewohnt. In seinem Dorf, das noch rund 60 weitere Einwohner zählt, gehöhrt er zu den wenigen die Arbeit haben. 50 -60 Stunden die Woche arbeitet er auf der naheliegenden Cottage – einer idyllischen Apartmentsiedlung für Abenteuertouristen – als Bootsführer, Schnorchellehrer, Handwerker, Kellner und was sonst noch so anfällt. Die Anlage ist durch einen Zaun vom Dorf getrennt. Seine Tochter darf hier nicht rein. Es ist nicht gewünscht, dass die einheimischen Kinder mit denen der Touristen spielen. Den Job hat Ngema schon seit die Anlage eröffnet hat. Es war seine erste Arbeit als junger Mann und er hofft, sie noch lange zu behalten. Es gibt hier nichts anderes. Das Dorf lebt von den Einkünften der Jungs, die dort arbeiten. Ngema ist 28. Er hat sein Dorf noch nie verlassen. Aber sein Freund ist schonmal mit dem Bus in die Stadt gefahren. Leider ist das sehr teuer. Die meisten können sich die Fahrt nicht leisten, obwohl sie umgerechnet nur einige Cent kostet. Einen Fernseher gibt es nicht im Dorf. Alles ist sehr einfach. Die Hauptnahrung Maisbrei gibt es zu allen dre Tageszeiten. Manchmal mit kleinen Fischen aus dem See, die schmecken köstlich. Ngemas Frau bereitet das Essen in der Hütte zu. Ich bin natürlich eingeladen, sie mal zu besuchen. Als Gast würde ich den größten Fisch bekommen, verspricht Ngema, wenn es welchen gibt.
Ngema will alles wissen über Deutschland. Das Land, wo die zufriedenen dicken Alten herkommen, die so gerne essen und dann Magenprobleme bekommen. Und wo die schönen blonden Mädchen wohnen, die sich ganz ungeniert in ihren knappen Bikinis mit ihren flachen Minicomputern in den Sonnenliegen bräunen. Er will nach Frankfurt, das hat er schon häufig von den Touristen gehört – eine reiche Stadt, es muss paradiesisch dort sein.
Erstaunen macht sich in seinem verträumten Blick breit, als ich ihm erzähle, dass Frankfurt das Gegenteil, eigentlich ziemlich grau und hässlich sei. Reich? Definitiv. Ja! Für Ngemas Verständnis wäre selbst ein Harz4 Empfänger reich – kostenlose medizinische Grundversorgung, Fernseher, Küchenzeile – für ihn undenkbar. Aber ein Auto erkläre ich, das kann sich längst nicht jeder leisten. Viele nutzen öffentliche Verkehrsmittel, also Busse und Bahnen. Nun erkläre ich Ngema das Konzept einer Eisenbahn – er hat das schonmal gesehen, in irgendeinem Buch in der Bibliothek in der Lobby. Ich erzähle, dass bei uns kaum Früchte wachsen, man muss sie im Supermarkt kaufen. Auch ein eigenes Haus hat längst nicht jeder, berichte ich. Die meisten Menschen, vor allem in den Städten wohnen in kleineren Wohnungen in mehrstöckigen Häusern, die viele dieser Wohnungen beherrbergen. Ich weiss nicht, wie viel Ngema davon wirklich versteht, was er sich vorstellen kann. Es fällt mir schwer, mich in jemanden hineinzuversetzen, der nie etwas anderes gesehen hat, als sein kleines Dorf, der sich völlig unbelastet von Fernsehen und Medien eine so reine kindliche Naivität bewahrt hat. Er nickt und will mehr wissen.

Im Winter erzähle ich, ist es sehr sehr kalt in Deutschland. Ja das kennt er. Im Juni / Juli wäre es hier auch manchmal so kalt, vor allem morgens wenn man aufsteht, da müsse er sich dann immer einen dicken Pullover überziehen. Unsere Sommermonate sind hier die kalte Jahreszeit. Es kühlt dann auf etwa 23 Grad Celsius ab. Ich schätze unter 15 Grad fallen die Temperaturen auch nachts nicht, hier am See. Ich erkläre, dass Deutschland noch viel viel kälter sei. Dort ziehen die Menschen nicht einen, sondern gleich mehrere Pullover an. Und Mäntel darüber. Aus Tierfellen fragt Ngema? Die Frage überrascht mich. Ja, tatsächlich, einige sind aus Tierfellen, andere nicht. Und wenn es sehr kalt ist und Schnee liegt, tragen wir Handschuhe, Schals und Mützen. Manchmal fällt sogar Schnee. Handschuhe, naja das sind halt Schuhe, nein, eher wie Pullover für die Hände. Schal und Mütze sind Kleidungsstücke, die Kopf und Hals vor Kälte schützen sollen. „Und was ist Schnee? Wie fühlt sich das an?“ fragt Ngema? Ich bin baff. Wie soll ich das erklären? In einem Land wo Durchschnittstemperaturen von 30 Grad Celsius herrschen? „Naja..“ sage ich „zuerst mal ist er weiss. Schnee fällt vom Himmel und legt sich als weisse Schicht übers Land. Es ist der Regen der seine Form verändert, wenn es zu kalt wird und dann zu winzig kleinen Eiskristallen wird. Es wird dann so kalt, dass man seinen eigenen Atem als Wolke sehen kann, weil er wärmer ist als die Luft. Und die Finger werden ein bisschen taub, wenn man keine Handschuhe trägt. Unter 0 Grad Celsius muss es sein, damit das passiert. Das ist die Temparaturgrenze bei der Regen zu Schnee wird und bei der Wasser gefriert, also fest wird. So fest, dass man manchmal darauf laufen kann füge ich hinzu, als ich Ngemas verständnislosen Blick sehe. Und dann habe ich eine Idee. „Ihr habt doch sicher einen Kühlschrank an der Bar, indem die Getränke lagern?“ Innen am Rand, da hast du bestimmt schonmal eine kalte weisse Schicht entdeckt, die du abkratzen kannst? Naja, in etwa so ist Schnee.“ „Unfassbar! So kalt ist es bei Euch? Wie im Kühlschrank?“ fragt er mit echtem Erstaunen. „Naja“ erwiedere ich „manchmal schon.“ „Aber wenn es so kalt ist und alle Leute dicke Jacken tragen und Pullover und Mützen… wie könnt ihr dann überhaupt die Frauen von den Männern unterscheiden?“

Jetzt muss ich lachen und ich bin froh, dass ich mir hier, an diesem vergessenen kleinen Ort noch ein paar Tage die warmen Sonnenstrahlen auf den Körper scheinen lassen kann. Und dann erkläre ich Ngema, wie man einen Schneemann baut :)

 

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