Satemwa Tea Estates & das Huntingdon House

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This entry is part 4 of 5 in the series Afrikanische Eindrücke – Malawi

Auf der Teeplantage

Sonntag, 10.3.13
Unser heutiger Weg führt uns nach Thyolo, einem Teeanbaugebiet am Fuße des Mulanje-Gebirges. Zuerst fahren wir durch Zomba. Diesmal wird uns ein wenig von der Stadt gezeigt. Wir besichtigen ein Denkmal zu Ehren der malawischen Gefallenen des 1. Weltkrieges. Unterwegs sehen wir überall gut angezogene Leute, die zur Kirche gehen oder aus der Kirche kommen. Isaac fährt mit uns auf einen Markt. Wir drängeln uns an den Ständen vorbei. Hier findet man Besenbinder, Gemüse- und Gewürzhändler, Fischverkäufer, Fleischer, auch Eisenwaren- und Elektrowarenhändler, deren Stände allerdings etwas vorsintflutlich erscheinen. Auch der mit „Computer Centre“ beschriftete Laden sieht ganz anders aus, als wir es gewöhnt sind.

Weiter geht die Fahrt durch Zomba, an einigen Gebäuden der ehemaligen Kolonialregierung vorbei und schon sind wir wieder auf der Landstraße. Als nächstes passieren wir die Stadt Blantyre. Isaac tut uns den Gefallen und fährt – außerhalb des Programms – kurz durch die Stadt. Wir besichtigen die von David Livingstone gegründete Kirche. Blantyre ist ein kommerzielles Zentrum, eine Bank neben der anderen. Große Sehenswürdigkeiten gibt es hier offensichtlich nicht. Am Stadtrand befindet sich ein hochmodernes Krankenhaus, in dem allerdings nur zahlende Patienten behandelt werden. Dem Großteil der Bevölkerung steht es also nicht zur Verfügung.

Ein paar Kilometer hinter Blantyre sehen wir die ersten Teefelder. Links und rechts nur noch Tee. Hin und wieder ein paar Aufsteller, auf denen zu lesen ist, dass man hier auf Kinderarbeit verzichtet. Endlich halten wir vor der Zufahrt zur Satemwa-Teeplantage, auf der sich unsere nächste Unterkunft befindet. Das Anwesen erscheint riesig, ein Wegweiser zeigt 4,9 km bis zum Huntingdon House an. Noch an der Zufahrt bekommen wir einen Lageplan in die Hand gedrückt, damit wir uns später nicht verlaufen. Wir halten vor einem Kolonialbau, dem man zumindest von außen sein Alter ansieht. An der Eingangstreppe werden wir begrüßt. Als wir das Foyer des Gebäudes betreten sind wir beeindruckt vom geschmackvollen, aufeinander abgestimmten Interieur des Hauses. Wir werden zu unserem Zimmer geleitet. Dies ist kein gewöhnliches Hotelzimmer. Es ist eine individuell gestaltete, hochkomfortable Suite. Ich fühle mich in solchem Luxus zwar eher unwohl, bin wider Willen aber doch überwältigt. Alle Zimmer dieses Hauses sind anders gestaltet. Das gesamte Gebäude ist von einer Terrasse umgeben. Hier kann man sein Essen einnehmen oder auch einfach nur sitzen und in den wunderschönen Park gucken. Von den Korridoren im Inneren des Hauses gehen kleine Patios ab, die ebenfalls zum Verweilen einladen. Claudia ist völlig aus dem Häuschen und möchte am liebsten alle Zimmer fotografieren. Wir haben nichts dagegen, dass sie bei uns Aufnahmen macht, wollen selbst aber nicht die Zimmer anderer Gäste knipsen. Bille bedauert, dass wir schon wieder fernab jeglichen normalen Lebens untergebracht sind. Immerhin kann man sich hier ausgiebig bewegen. Wir dürfen uns im gesamten Gelände umsehen, allerdings ist die Gefahr des Verlaufens nicht zu unterschätzen. Nach dem Lunch gehen wir los. Claudia hatte unsere Einladung mitzukommen, etwas pikiert abgelehnt, sie wolle lieber die Schönheit genießen.

Die Teeplantage ist sehr weitläufig, wir fragen uns zum Sportplatz durch. Dort spielen ein paar Einheimische Fußball. Ein Mann, der wie ein Pfarrer gekleidet ist, fragt uns, ob er uns helfen könne. Wir verneinen, grüßen ihn freundlich und biegen bergaufwärts ab. Die Teefelder sind in Sektionen unterteilt, die zum Teil beschildert sind. Isaac hatte uns schon darüber aufgeklärt, dass die Pflanzen ca. 40 bis 60 Jahre alt werden können. Tatsächlich entdecke ich ein Areal mit Teesträuchern meines Jahrgangs, gepflanzt 1951. Es geht nun auf 19 h zu. Wir sind noch weit vom Huntingdon House entfernt. Ich fürchte, von der Dunkelheit überrascht zu werden, doch Bille findet sich ziemlich gut zurecht. Wir kommen am Krankenhaus und an einigen Wirtschaftsgebäuden vorbei. Dann müssen wir doch nach dem Weg fragen. Der Angesprochene spricht zwar kein Englisch, versteht aber Huntingdon House und weist uns den Weg. Als es fast völlig dunkel ist und Bille mich der Panikmacherei bezichtigt, gelangen wir durch einen Hintereingang in den Rosengarten des Parks. Ich bin froh, dass wir noch vor dem großen Mückenansturm wieder im Hotel sind.

Nach dem Abendessen spielen Bille und ich noch eine Partie Trivial Pursuit. Das erweist sich als äußerst unterhaltsam, da die Fragen Kenntnisse voraussetzen, die wohl zur britischen, aber nicht zur deutschen Allgemeinbildung gehören. Beide versagen wir total. Wir wissen weder, wie viele Sesamkörner sich auf einem Markenmüsliriegel befinden, noch wer in welchem Golfspiel wie viel Millionen verdient hat. Bille kann dank ihrer Popmusikkenntnisse eine Tortenfrage richtig beantworten, ansonsten ein Fehlschlag nach dem anderen. Schließlich geben wir uns keine Mühe mehr, sondern antworten ohne nachzudenken, wobei wir zuweilen sogar einen Treffer landen. Die Angestellten guckten immer mal verwundert zu uns rüber, weil wir ständig und laut gackern, dabei hatten wir gar nichts getrunken. Irgendwann verlieren wir die Lust aufs Spielen. Es gelingt mir noch, einen Gecko zu fotografieren, der vergeblich versucht, einen Falter zu fangen. Dann geht auch dieser Tag zu Ende.

Ausflug nach Mulanje Mountain

Montag, 11.3.13
Heute fahren wir zum Mulanje-Bergmassiv. Die Fahrt geht durch Thyolo, vorbei an Teefeldern anderer Plantagen. Am Straßenrand sieht man immer wieder Kinder auf dem Weg zur Schule. Weit vor uns ist das wolkenverhangene Bergmassiv zu erkennen. Schließlich sind wir da. Wir verlassen die Landstraße und fahren leicht bergauf, passieren ein kleines Dorf, dessen Bewohner uns sehr arm erscheinen. An einem Wasserlauf hält unser Bus. Ich bleibe im Wagen, während die anderen zu einer ca. einstündigen Wanderung zum Stausee aufbrechen. Vor mir sammeln etwa 8 Frauen Holz. Sie tragen dünne Baumstämme und sehr lange Äste zusammen, bündeln diese mit Stricken, stellen die Bündel dann aufrecht an einen großen Baum, packen sich ein Holzbündel auf den Kopf oder über die Schultern und laufen mit dieser Last den Berg hinunter. Eine der Frauen hat sogar noch ein Baby um den Rücken gebunden. Ich steige mit etwas Geld aus dem Wagen und gehe zu den Sammlerinnen. Da ich nur wenig kleine Scheine habe, gebe ich der Ältesten eine größere Banknote in der Hoffnung, sie werde das Geld aufteilen. Die Dame nimmt meinen Schein, küsst ihn, und versteckt ihn in den Weiten ihres Gewandes, was mich annehmen lässt, dass sie den anderen nichts davon abgeben möchte. Die Dame weist jetzt ihre Kolleginnen an, für ein paar Fotos zu posieren. Man will sich nichts schenken lassen, man hatte schließlich auch nicht gebettelt. Ich laufe zum Wagen zurück, hole meine paar kleinen Scheine und verteile diese an die Frau mit Kind und noch zwei weitere Damen. Für alle reicht es leider nicht. Nun setze ich mich wieder in den Bus und schreibe ein wenig in mein Tagebuch, bis die Wanderer zurückkommen. Auf dem Rückweg halten wir noch am Souvenirmarkt des armen Dorfes und kaufen etwas Volkskunst ein. Dann geht es zurück in die Luxuswelt.

Die gesamte vordere Terrasse des Huntingdon House ist inzwischen piekfein eingedeckt. Ebenso die Tische bei den Sitzgruppen im Park. Auf dem Rasen ist ein Krikettspiel aufgebaut. Vier sehr elegant gekleidete Schwarze mittleren Alters sitzen auf der Terrasse. Uns wird das Mittagessen auf einer Seitenterrasse serviert, wobei man uns trotz der erwarteten hohen Gäste genauso zuvorkommend behandelt wie am Vortag. Als wir nach etwa 90 Minuten unser Essen beendet haben, ist alles abgedeckt. Die Gäste sind abgereist. Im Park des Huntingdon House sollte ein Treffen hochrangiger Politiker stattfinden, fiel jedoch ins Wasser, da einige der Geladenen an diesem Tage verhaftet bzw. unter Hausarrest gestellt worden waren. Die Anklagegründe reichten von Amtsanmaßung über Korruption bis Verrat. Nun waren wir wieder fast die einzigen Gäste auf der Teeplantage.

Da die Zeit drängt, fahren wir den kurzen Weg zur Teefabrik mit dem Bus. Zur Einführung wird uns ein Videofilm über die Plantage gezeigt. Wir erfahren nicht nur etwas über Teeanbau und -verarbeitung, sondern auch über die sozialen Standards des Betriebes. Es gibt Wohnhäuser für die Beschäftigen, eine Klinik, in der die Arbeiter und deren Familien kostenlos behandelt werden, eine Schule für fast 1000 Kinder, einen Sportplatz. Der Betrieb ist zertifizierter Fair-Trade-Produzent, und selbstverständlich ist Kinderarbeit hier ausgeschlossen.
Der malawische Tee, erfahren wir, wird in Europa in Mischungen wie „Earl Grey“ verwendet, doch sortenrein verkauft er sich außerhalb Malawis schlecht, da die Anbaugebiete hier nicht so hoch liegen wie z.B. in Kenia und die Sonne hier auch etwas weniger scheint.
Dann schreiten wir zur Teeverkostung. Obwohl ich eine ausgesprochene Teetrinkerin bin, schmecke ich keinen Unterschied zwischen den Sorten heraus. Alle schmecken gleich stark, lediglich eine Sorte weißen Tees erscheint mir ein klein wenig milder zu sein. Dennoch ist auch die Verkostung ein großes Erlebnis.
Beim Verlassen des Betriebsgeländes fällt mir noch eine Tafel der „Diensthabenden“ auf, darunter auch eine „Hebamme vom Dienst“, was auf ein soziales Betriebsklima schließen lässt.

Bille und ich spazieren durch das Gelände zurück zum Haus. Diesmal kommen wir noch bei Tageslicht an. Während Bille noch etwas joggen geht, geselle ich mich zu Claudia in die Sitzgruppe auf dem Rasen. Claudia hat inzwischen erfahren, dass Wein hier im Preis einbegriffen ist, wenn man ihn im Glas (und nicht flaschenweise, wie sie es bisher gemacht hatte) bestellt. Nun rät sie mir, doch ein Glas Rotwein zu bestellen. „Ist doch umsonst!“ Lange braucht sie mich nicht zu überreden, es ist tatsächlich schön, in dieser Atmosphäre in der kurzen Zeit der einbrechenden Dunkelheit ein Gläschen Roten zu trinken.

Gewitterwolken ziehen auf, man hört in der Ferne Donner. Nun wird es wohl mit dem Dinner auf der Terrasse nichts werden. Stattdessen überrascht man uns an unserem letzten Abend hier mit einem Candle-Light-Dinner im ehemaligen Speisesaal des Landhauses. Der Seniorchef der Plantage, ein rüstiger Herr, der wie Mitte 60 aussieht, aber schon 85 Jahre alt ist, setzt sich zu uns, fragt wo wir herkommen und wie es uns in Malawi gefällt. Dann erzählt er uns etwas über das Leben in Malawi und fotografiert uns mit meinem Apparat. Schließlich verabschiedet er sich und wünscht uns eine gute Reise.

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