Favela Tour – Rio abseits von Strand und Caipirinha

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Brasilien ist gefährlich, sagen Freunde und Bekannte. „Geht in Rio bloß nicht nachts an den Strand. Zu nah an den Favelas.“ Außerdem sollen wir nur das Nötigste bei uns führen. Immer eine abgezählte Summe parat, die wir herausgeben können, falls wir ausgeraubt werden. Mein Reiseführer ist der gleichen Meinung. Gelegenheit macht Diebe. Nichts zeigen, nicht viel mit sich tragen und natürlich nicht allein in die Nähe der Favelas gehen. Nur Mord und Totschlag da. In meinem Kopf zeichnet sich ein Bild von ständig brennenden Hüttendörfern, in denen schwarz gekleidete Männer mit Maschinengewehren wie wild hin und her springen und sich gegenseitig erschießen. Hin und wieder rennt ein verirrter Tourist schreiend durchs Bild – nackt, weil er gerade all seiner Habseligkeiten, inklusive Kleidung beraubt wurde.

Wenn die Verbrecher nicht zu uns kommen…

Nach Tagen in Brasilien wurden wir weder ausgeraubt noch in sonst irgendeiner Weise belästigt. Ich wundere mich ein bisschen über dieses – allen Erzählungen zufolge – für die Brasilianer so untypische Verhalten. Aber es gibt weitere Warnungen. Bloß um Gottes Willen nicht durch die Favelas fahren, wenn wir Sao Paulo auf dem Weg zur Küste mit dem Auto verlassen. Am besten nicht nach dem Navi fahren und vorher einen sicheren Weg zurechtlegen, empfiehlt meine Brasilianische Kollegin mit mütterlich warnendem Blick. Ich bin allerdings kein Freund von Offline-Routenplänen und so halte ich mich todesmutig an die Routenvorschläge meines Navigationssystems. Tatsächlich sind die Autobahnen am Stadtrand zu Teilen von ärmlicheren Häusern gesäumt. Wie mir deren Bewohner allerdings gefährlich werden sollten, ist mir schleierhaft. Ob sie wohl über die Mauern auf die stark befahrene Autobahn vor mein Auto springen, das dann vor lauter Schreck plötzlich stehenbleibt? Und dann fahren sie ihre Spidermanfäden aus, um sich und ihre Diebesbeute zurück über die Autobahn und die angrenzende Mauer hinweg in ihre hochgelegenen Häuser zu ziehen. So oder so ähnlich ergeht es wohl hunderten Touristen täglich in Brasilien.

Inzwischen sind acht weitere Tage vergangen. Nach dem Besuch zweiter beschaulicher friedlicher Inseln, haben wir uns auch in Rio schon ein wenig umgeschaut. Ohne überfallen zu werden. Vor ein paar Tagen hat mein Freund seine Tasche in einem Lokal stehen lassen. Ein aufgeregter Mitarbeiter kam uns zwei Kilometer hinterher gelaufen, um sie uns wiederzugeben. Wo sind nur all die Verbrecher?

Müssen wir eben zu den Verbrechern…

Fast zum Trotz buche ich eine Favela-Tour. Schließlich bin ich bestens vorbereitet und habe meine Opferrolle zur Perfektion geprobt. Ich gehe nicht, ohne nicht mindestens einmal bedroht worden zu sein!

Es handelt sich um eine Walking Tour durch Rocinha, die wohl größte Favela Brasiliens und die zweitgrößte ganz Südamerikas – obwohl man das wegen der verwachsenen Strukturen vieler Favelas so genau auch gar nicht sagen kann. Favela-Touren werden eigentlich von allen größeren Reiseanbietern in Rio angeboten. Wir haben uns speziell diese ausgesucht, da es sich nach Angaben des Veranstalters um eine nicht-invasive Tour handelt. Touristen werden hierbei also nicht wie auf Safari im Bus durch die Armutsviertel gekarrt, um von oben herab die Armen und Ausgestoßenen zu begaffen. Stattdessen laufen wir mit einem lokalen Guide durch die Favela, einmal von ganz oben nach ganz unten und lernen so auch verschiedene Ebenen innerhalb der Favela kennen.

An unserem Treffpunkt an der Copacabana treffen wir Carlos, unseren Tourguide. Er lobt unsere Pünktlichkeit, wir steigen in den Bus ein. Mit uns fährt Laura aus Ecuador. Die nächste halbe Stunde sind wir damit beschäftigt, weitere Mitfahrer einzusammeln. Mir wird klar, warum Carlos uns zuvor gelobt hat. Einige Treffpunkte fahren wir dreimal an, bis sich die Mitfahrer eingefunden haben. Jedes neue Glied der Gruppe wird freudestrahlend von Carlos mit Namen und dem seines Heimatlandes vorgestellt. Als wir vollständig sind, tuckert der Bus mit Ecuador, Deutschland, USA, Israel und Chile vorbei an Ipanema hinauf nach Rocinha. Ecuador und Chile sind allein da, die anderen Länder werden durch Pärchen vertreten. Und die USA haben sogar ein Baby dabei.

In der Favela – Vorurteile vs. Realität

Carlos wohnt selbst in Rocinha und kennt sich bestens aus. In der Favela ist es andersherum. Ganz oben, wo die Aussicht am besten ist, ist es am billigsten. Dort wohnen die Ärmsten. Weiter unten wohnen die „wohlhabenderen Slumbewohner“. Es ist einfach nicht praktisch in einem Gebiet ohne jegliche Infrastruktur hoch oben auf einem Berg zu wohnen. Carlos wohnt auch oben. Nicht weil er es sich nicht leisten könnte, unter zu ziehen. Aber seine zwei Ex-Ehefrauen wohnen am Fuß der Favela. Er geht ihnen lieber aus dem Weg.

Uns zugedreht auf der Vorderbank kniend, erzählt uns Carlos mit einer Mischung aus Begeisterung und Wut die Geschichte der Brasilianischen Favelas bis heute. Es geht um soziale Missstände, um Vernachlässigung ganzer Bevölkerungsgruppen seitens der Regierung, um gesellschaftliche Kluften. Und es geht um Vorurteile. Vorurteile seitens einer verängstigten und Oberschicht, deren Angst vorm unbekannten Nachbarn jahrzehntelange Ausgrenzung und Argwohn schürt. Es geht um eine wohlhabende Filmindustrie, die mit Filmen wie City of Men ein völlig verzerrtes und einseitiges Bild der Favela zeichnet, das nun wie ein Fluch über seinen Bewohnern liegt.

Rocinha ist eine besondere Favela. In einigem besser gestellt, als andere Slums. Hier gibt es eine befestigte Straße bis nach oben. Es ist auch die einzige Favela, in der es eine Bank gibt. Schon seit Jahren. An einigen Stellen ist die Favela sogar ganz hübsch anzuschauen. Für den geplanten Besuch von Amerikas Staatsoberhaupt Präsident Obama wurden vor Jahren dutzende von Häusern abgerissen, um eine breite Straße zu bauen. Die Fassaden der Häuser die diese Straße säumen wurden bunt bemalt. Aber Carlos zeigt uns auch die Rückseiten der Häuser. Die die man nicht im Vorbeifahren sieht. Hier hat sich die Regierung nicht die Mühe gemacht, sie zeugen vom wahren zerfallenen Zustand dieser Behausungen.

Vor allem aber ist Rocinha eine sichere Favela. Genauso wie wohl 95% der weiteren Favelas in Rio und anderen Teilen Brasiliens. Hier springen nicht den ganzen Tag lang wild gewordene Drogenbosse durch die Gegend und erschießen alles, was ihnen vors Gewehr kommt. Generell ist die Drogenkriminalität nicht höher als anderswo. Im Gegenteil. An der Copacabana kämen wir vermutlich schneller und leichter an Drogen, als hier in der Favela. Denn dort leben die Leute, die sich deren Konsum überhaupt erst leisten können. Natürlich gibt es soziale Missstände und Probleme hier. Probleme, die nicht nur von Armut und negativen sozialökonomischen Entwicklungen herrühren, sondern auch von der Angst vor der Favela und der daraus resultierenden Ausgrenzung. Die Menschen der Favela sind friedlich. Sie helfen einander. Es sind zum großen Teil Arbeiter, die tagsüber arbeiten wie jeder andere auch. Deren Lohn aber nicht ausreicht, um die völlig überteuerten Stadtwohnungen zu bezahlen.

Wir laufen weiter bergab und sehen schön aufgehübschte Häuser, deren Geschichte uns Carlos erzählt. Aber er möchte auch die negativen Seiten nicht verschweigen und führt uns auch zu den ärmsten Behausungen, zersetzt von Müll und Ratten. Wir sollen ein realistisches Bild mitnehmen. Wir sollenFotos schießen, die Geschichte der Favela weitererzählen, auf Instagram posten, aufschreiben sagt Carlos. Die Stigmatisierung muss endlich ein Ende haben.

Am Schluss unserer Tour besuchen wir eine lokale Capoeira-Schule. Mit Engelsgeduld, rhythmischer Musik und den breitesten Lächeln Brasiliens, bringen uns die Jungs brasilianische Gesänge und Tanzschritte bei. Uns fehlt die Anmut, aber es macht riesigen Spaß. Ich bin froh, diese einmalige Erfahrung gemacht zu haben, die Tour war großartig. Ich habe das Gefühl, viel gelernt zu haben und kann nur jedem der nach Rio kommt wärmstens empfehlen, das gleiche zu tun! Und lasst Euch nichts einreden. Vorsicht ist gut, Vorurteile nicht…

Falls ihr bei Eurem Besuch in Rio selbst eine Tour machen möchtet, kann ich die Brazil Expedition Walking Tour empfehlen, an der auch wir teilgenommen haben. Die Touren werden in Deutsch, Englisch und 9 weiteren Sprachen angeboten. 

Übrigens gibt es sogar eine ganze Menge Hostels und günstige Unterkünfte in Rocinha und anderen Favelas, die ihr z.B. über Airbnb findet (Einfach in der Suchmaske „Rocinha“ als Ortschaft eingeben).

 

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