Lake Malawi

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This entry is part 5 of 5 in the series Afrikanische Eindrücke – Malawi

Norman Carr Cottage am Lake Malawi

Mittwoch, 12.3 .- Freitag, 15.3.13
Beim Frühstück fällt auf, dass sowohl Personal als auch meine Reisebegleiter etwas betreten aussehen. Bille sagt mir etwas, von dem ich nur „Schlimmes“, „alter“ und „entführt“ verstehe. Ich reime mir also zusammen, dass der Seniorchef schon mal Schlimmes durchgemacht haben muss, er wurde irgendwann einmal entführt. Meine Reaktion „aha“ bringt Bille auf die Palme. Ich würde überhaupt nicht mehr zuhören und solle mir endlich neue Ohren kaufen. Der Seniorchef war in der Nacht entführt worden. Da er in einem anderen Gebäude wohnt, hatten wir nichts davon gemerkt. Natürlich machen sich jetzt alle Sorgen. Noch während wir auf den Toast warten, kommt dann die erlösende Nachricht, dass der alte Herr unversehrt aufgefunden worden sei. Die Entführer hatten ihn gezwungen, seinen eigenen Wagen bis zum Wohnsitz des im April 2012 verstorbenen Präsidenten zu fahren und dort durfte er dann aussteigen. Isaac vermutet, man habe dem Entführten aus politischen Gründen einen Schreck einjagen wollen, habe er sich doch in der Öffentlichkeit mehrmals abfällig über die Regierung geäußert.

Wir verabschieden uns von den Angestellten und hinterlassen unsere besten Wünsche für den Seniorchef. Der Bus bringt uns nun zur Norman Carr Cottage, der letzten Station auf unserer Malawi-Reise. Wir fahren den ganzen Vormittag, einen Teil der Strecke kennen wir schon. Irgendwann kommt endlich der See in Sicht. Wir verlassen die Landstraße und biegen auf einen Feldweg mit der für Afrika typischen roten Erde ab. Isaac wird diesmal nicht mit uns in derselben Anlage wohnen. Seine Verwandten wohnten ganz in der Nähe und er wolle gern ein wenig Zeit mit ihnen verbringen, erklärt er uns. Am 15.3. werde er Sibylle und mich nach Lilongwe zum Flughafen fahren. Claudia werde dann von einem anderen Fahrer zu ihrem Anschlussaufenthalt abgeholt.
In der Lodge angekommen, verwundert es mich, dass Bille und ich je einen Bungalow zugewiesen bekommen, obwohl wir ein Doppelzimmer gebucht hatten. Der Besitzer meinte, wir seien doch beide erwachsene Menschen und würden uns in getrennten Bungalows sicher wohler fühlen. Selbstverständlich würden uns keine Mehrkosten berechnet. Nun ja, da ich unterwegs heute ziemliche Magen-Probleme hatte, denke ich nicht weiter darüber nach, sage das Mittagessen für mich ab und versuche, im Bungalow meinen Magen in den Griff zu bekommen. Ich lese die im Bungalow ausliegenden Hinweise für Gäste und bin entsetzt, dass Urlauberkinder, so sie mit einheimischen Kindern spielen möchten, dies doch bitte nicht an diesem Strandabschnitt tun sollen. Ich lege mich aufs Bett und versuche zu schlafen. Inzwischen findet der erste Bootsausflug statt. Bille ist ganz begeistert und hat die Gelegenheit zum Schwimmen genutzt.

Norman Carr Cottage Malawi
Zum Abendessen bin ich wieder fit. Claudia beklagt sich bei mir, dass es zum Lunch nur einen Gang gegeben hätte, bei einer Reise wie dieser müssten wenigstens 2 Gänge angeboten werden. Bille und ich finden, wir werden seit Ankunft in Malawi rund um die Uhr gemästet und wenn es mal etwas weniger gibt, tut das unserer Gesundheit nur gut. Beim Abendessen ist Claudia dann versöhnt, es schmeckte ausgezeichnet und das Menü war selbstverständlich mehrgängig.

Am nächsten Morgen verlassen wir nach dem Frühstück die Lodge zu einem kurzen Spaziergang, der aber nicht sehr erlebnisreich ist. Als wir zurückkommen haben die Souvenirhändler schon ihre Waren ausgebreitet. Sie dürfen hier täglich für eine Stunde ihre Produkte anbieten. Wir schauen uns die Sachen an, Bille zahlt jeden geforderten Preis, ich handele leicht herunter, während Claudia ,wie schon bei früheren Gelegenheiten, am liebsten gar nichts bezahlen würde und dann noch behauptet, nun hätte der Verkäufer aber ein Geschäft gemacht. Mit einer Kette für meine Schwester und einem Flaschenverschluss für mich ziehe ich davon. Gleich geht es mit dem Boot auf den Malawisee. Sibylle möchte gern Schnorcheln. Ich fürchte, das Loch in ihrem Trommelfell könne dabei zu Problemen führen, aber sie meint, ihre Ohren seien unmittelbar unter der Wasseroberfläche keinem großen Druck augesetzt.

Vor dem Schnorcheln werden erst einmal die Seeadler gefüttert. Einer der Bootsleute kauft einem Fischer etwas von seinem Fang ab. Nun imitiert er den Schrei eines Seeadlers und wirft einen toten Fisch ins Wasser. Schon bald kommt ein Adler und schnappt sich die Beute. Das Schauspiel wiederholt sich mehrere Male. Leider gelingt es mir nicht, den Augenblick des Greifens der Beute beim Fotografieren abzupassen. Ich hoffe also auf die Fotos von Bille. Claudia klagt, sie könne keine toten Tiere sehen, die Fische täten ihr unendlich leid. Bille weist darauf hin, dass nun der Fischer etwas Geld hat, um seine Familie ernähren zu können und die Adler nicht hungern müssen. Ja, meint Claudia, das sähe sie ein, aber die toten Augen der Fische seien so anklagend. Beim Seeadlertörn am nächsten Tag sitzt Claudia dann allein auf dem Vordeck, um das Elend nicht noch einmal sehen zu müssen. Fotografiert hat sie den Beutefang aber trotzdem.

Nach der Fütterung fahren wir dichter an das felsige Ufer heran. Ein junger Bootsmann zeigt Sibylle, wie man die Schnorchelmaske aufsetzt. Die beiden schnorcheln dann gemeinsam. Ich beobachte die beiden Schnorchel. Guckt etwa nur noch einer aus dem Wasser? Schließlich klettere ich über die Leiter in den See. Ein älterer Bootsmann schmeißt mir eine Art Gummischlange hinterher, weil er mich für eine Nichtschwimmerin hält. Er ist dann sehr erstaunt, als ich ihm die Schwimmhilfe zurückgebe.
Argwöhnisch schwimme ich immer in der Nähe der beiden Schnorchel. Das Wasser ist angenehm warm. Langsam verlieren sich meine Ängste. Nun tauchen auch die beiden Schnorchler endgültig wieder auf. Wir schwimmen zum Boot, Sibylle schiebt mich von unten an und der Bootsführer zieht mich an den Armen hinein.

Nach dem Mittagessen wollen wir uns noch etwas die Gegend anschauen, bevor wir um 17 h wieder ins Boot steigen. Es ist bewölkt, wir verzichten also auf unseren fast aufgebrauchten Sonnenschutz und laufen ins nahegelegene Dorf. Das war ein Fehler. Mit einer solchen Armut hatten wir nicht gerechnet. Ein Afrikaner um die 40 lud uns ein, seinen Kraal zu besichtigen. Dort standen in einer Umzäunung mehrere kreisförmig angeordnete Rundhütten. Vor einer dieser Hütten schlief auf dem nackten Betonfußboden eine stark unterernährte alte Frau. Wenn der Mann nun darauf hingewiesen hätte, dass es seiner Oma nicht so gut ginge, hätten wir ihm sicher etwas Geld zugesteckt, aber nein, er weckt die dem Aussehen nach Hundertjährige und zerrt sie zu uns herüber. Vermutlich war diese Frau schon in der Kindheit erblindet, über die Augen waren ihr Hautlappen gewachsen, so dass die Augen selbst überhaupt nicht mehr sichtbar waren. Wir hatten große Schwierigkeiten, uns unser Entsetzen nicht anmerken zu lassen, der alten Dame das dünne Ärmchen zu schütteln und „Hi, Mam, nice to meet you“ zu stammeln. Bille weist mich darauf hin, dass die Frau auch taub sei. Wir lassen also eine Spende für die Oma da, wundern uns aber über das Verhalten des Mannes, die arme Frau auf diese Weise für Vorführzwecke zu gebrauchen. Leider werden wir nun von ca. 20 Kindern im Alter von ca. 5 bis 15 Jahren verfolgt und angebettelt. Inzwischen haben sich die Wolken gelichtet, es ist die Zeit der intensivsten Sonnenstrahlung. Wir versuchen, die Kinder erst behutsam, dann energisch zur Rückkehr ins Dorf zu bewegen. Erst als wir sehr böse werden und sich aus der anderen Richtung ein erwachsener Afrikaner nähert, ziehen die Kinder Leine. Auf dem kurzen Weg durchs Dorf können wir nicht zurück, also gehen wir querfeldein. Sibylle entwickelt einen Sonnenbrand, doch der Weg nach Hause ist noch weit. Wir reißen große Blätter von irgendwelchen Pflanzen ab und basteln eine Art Palmwedel, der die Strahlung allerdings kaum abhält. Nach einer Stunde sind wir endlich angekommen. Bille hat verbrannte Arme und Schultern und ich habe die dazu passende Panthenolcreme.

In der Lodge hält sich außer uns noch eine amerikanische Familie – Vater, Mutter und zwei Kinder im Schulalter – auf, die schon seit zwei Jahren auf Weltreise ist. Üblicherweise übernachtet die Familie in einfachen Quartieren und benutzt für ihre Reise öffentliche Verkehrsmittel. Die beiden Kinder werden aus der Ferne unterrichtet. Wenn genug Aufgaben gelöst sind, mieten sich die vier in einer komfortableren Unterkunft mit Internetanschluss ein, damit der Vater die „Hausaufgaben“ kontrollieren kann. Die Leute sind uns sehr sympathisch.

Die Bootsfahrt am Nachmittag machen wir gemeinsam. Sibylle stürzt sich zuerst in die Fluten, dann folgen der amerikanische Vater mit Tochter, dann die Mutter. Der etwa 8jährige Junge weigert sich strikt, im See zu baden, er fürchtet sich vor Flusspferden und Krokodilen. Alles Zureden der Mutter hilft nichts, der Junge bleibt im Boot. Ich verzichte ebenfalls aufs Baden. Claudia behauptet, leider nicht baden gehen zu können, da sie sich mit nassen Haaren sofort erkälten würde. Dies sei auch der Grund, warum sie niemals ohne Fön reisen könne. Als dann im Abendrot der Sundowner angeboten wird, benetzt sich Claudia von Innen mit Weißwein. Wir anderen trinken Saft oder Wasser.

Norman Carr Cottage Malawi

Gegen 19 h ankern wir am Steg unserer Lodge. Das Abendessen erfolgt heute mit musikalischer Untermalung durch einen einheimischen Trommler. Wir sind ziemlich müde und ziehen uns bald in unsere Zimmer zurück.
Am nächsten Tag verlassen wir die Lodge nicht mehr. Wieder fahren wir zum Schwimmen und Schnorcheln auf den See, diesmal schnorchele auch ich. Unser Begleiter hat etwas Mühe, mir die Maske anzulegen. Als ich schon aufgeben will, klappt es doch. Zum ersten Mal erlebe ich die phantastische Welt der Fische unter der Wasseroberfläche. Wir schwimmen an großen Felsen vorbei und um uns herum sind hunderte kleiner bunter Fische, einige gepunktet, andere gestreift. Ich bin überwältigt. Nach etwa einer halben Stunde tauchen wir wieder auf und schwimmen zum Boot. Claudia hat mit meinem Apparat unseren Ausflug im Bild festgehalten, wofür ich ihr sehr dankbar bin. Sibylle meint, sie sei stolz auf mich. Eigentlich bin ich auch stolz auf mich, vor allem weil ich diesmal ohne Hilfe aus dem Boot heraus und wieder hereingekommen bin.

Auch zur Nachmittagsfahrt treten wir noch einmal an. Diesmal fahren zwei junge Ärzte mit, die in Malawi gearbeitet haben und vor ihrer Rückreise nach Deutschland noch ein paar Tage Urlaub machen wollen. Auch der Besitzer der Lodge ist mit an Bord. Er erzählt zwar sehr interessant über Land und Leute, aber seine unterschwellig rassistische Grundeinstellung kommt immer wieder durch. Als die Sundowners gereicht werden, bitte ich um ein Glas Rotwein, denn nun heißt es langsam, von Malawi und diesem Traumurlaub Abschied zu nehmen.

Am folgenden Morgen sitzen wir rechtzeitig beim Frühstück. Isaac soll uns um 8 h abholen und zum Flughafen nach Liwonde bringen. Wir sind reisefertig und warten in bequemen Schaukelstühlen, die an den Ästen eines riesigen Baumes befestigt sind. Claudia soll erst später abgeholt werden, wartet aber mit uns gemeinsam auf Isaac. Um 8:05 h guckt Claudia nervös auf die Uhr. „Wo bleibt er denn?“, rätselt sie. Um 8:10 h bemerkt sie, Isaac sei doch bisher sooo pünktlich gewesen. Bille geht das ziemlich auf den Wecker, sie musste schon zum Frühstück einer Pünktlichkeitsattacke von Claudia gegenüber dem Personal beiwohnen. Sibylle bemerkt, bisher hätte Isaac mit uns zusammen gewohnt, heute hingegen hätte er einen Anfahrtsweg und da könne immer was dazwischen kommen. 8:15 h: Wieder der Blick zur Uhr. Sibylle verkrümelt sich, um nicht unhöflich zu werden. Nun höre ich von Claudia wieder einen ihrer unsensiblen Sprüche. Mich stört die Verspätung überhaupt nicht, desto kürzer ist unsere Wartezeit am Flughafen. Um 8:18 h naht Isaac. Claudia wirft sich ihm sogleich überschwänglich an den Hals.

Die Rückfahrt zieht sich über drei Stunden hin. Wieder geht es fast 3000 m hoch ins Gebirge und dann die Landstraße entlang, die uns inzwischen gut bekannt ist. Wir erreichen den Flughafen, wo mehrere Flüge gleichzeitig abgefertigt und die Passagiere nicht über Lautsprecher informiert werden, so dass wir beinahe in den Flieger nach Addis Abeba eingestiegen wären. Dann überstehen wir noch eine längere Wartezeit in Johannesburg und landen am Samstagmorgen gegen 7 h in Frankfurt.
Wir sind wieder zu Hause. Als wir nach Afrika aufbrachen, hat offensichtlich auch der Frühling hier einen Abflug gemacht. Uns erwartet eine Schneelandschaft und sibirische Kälte.

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