Brasilien – Die sexualisierte Gesellschaft

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Miss Bum Bum Wahl Brasilien
Jährliche Wahl zur Miss Bum Bum Brasilien.

ARSCHPARADE. Komisches Wort! Ich meine wer sagt das? Ich jedenfalls nicht. Dennoch scheint das Wort jahrelang in den Tiefen meines vokabularischen Gedächtnisses geschlummert zu haben. Mit viel Geduld und Hartnäckigkeit kauerte es geduckt und vergessen jahrelang im Dunklen und wartete auf seinen großen Moment.
Und da ist er nun. Mit Pauken und Trompeten oder korrekter eigentlich mit Tamburinen und Trommeln hat es sich pünktlich zur Ankunft in Brasilien in meinem Kopf ausgebreitet und rülpst vulgär vor sich hin.

Das kommt nicht von ungefähr. Wohin das Auge reicht, wippen Hintern in den verschiedensten Ausführungen aller Farben, Formen und Größen vor mir her. Einige ganz schwungvoll, andere eher lethargisch, pressen sie sich aus den knappen Höschen und Stringbikinis ihrer Besitzerinnen und Besitzer raus an die Freiheit. Kein Gramm hat es hier verdient, versteckt zu werden. „Zeig was du hast“ ist die Devise. Auch mein Brasilianischer Reiseführer rät mir übrigens: „Tragen Sie so wenig wie möglich“.

Meine Augen schwimmen in einem Meer von Hintern, Brüsten, Beinen – dicken, dünnen, alten, jungen, runzligen, verschwitzten, braunen, weißen, haarigen, glatten… Ich weiß nicht recht, was ich davon halten soll. Zum einen finde ich es durchaus richtig und gut, dass sich hier jeder so präsentiert wie er ist, ohne Scham, doch mit einem fast beneidenswerten Selbstverständnis und Stolz.
Wofür eine (nach allgemeinem Maßstab) übergewichtige Frau wahrscheinlich schon mehrfach in der Berliner S-Bahn hinter vorgehaltener Hand kritisiert worden wäre „Wie traut die sich mit so einem Körper in so ein enges Kleid“… ist hier ganz selbstverständlich und eine Vermessenheit dergleichen undenkbar.

Aber das ist nur die halbe Geschichte. Denn immerhin ist Brasilien auch das Land mit den meisten Schönheitsoperationen weltweit. Sao Paolo und Rio de Janeiro sind Hochburgen der plastischen Chirurgie. Eine Kollegin erzählte mir, dass niemand in ihrem Freundeskreis nicht operiert wäre. Brustvergrößerungen, Botox, Muskelimplantate sind hierzulande so banal wie ein Besuch beim Friseur. Das Hin- und Herspritzen von Körperfett – weg von Bauch und Hüfte und rein in den Allerwertesten – gehören hier zum guten Ton. Und tatsächlich sind viele Dekoltees hier eigenartig rund, viele Busen unnatürlich weit oben, und einige Gesichter fast grotesk unnatürlich. Frauen wie Männer präsentieren sich supersexy, nicht nur an den Stränden. Jeder will gefallen. Schon sehr junge Mädchen, kaum erwachsen, tragen schon eindeutige Silokonberge unter ihren knappen bauchfreien Tops vor sich spazieren. Generell ist es völlig normal, dass schon 12-jährige und sogar jüngere Mädchen ihre Körper exzessiv zur Schau stellen. Aufreizend wie Mutti, am Strand im Mini-Stringbikini, das macht auf mich einen sehr befremdlichen Eindruck.

Zeig was Du hast – Nein, so frei finde ich das dann doch nicht. Denn die Freizügigkeit ist hier höchst abhängig von den Blicken anderer und somit alles andere als frei. Schönheits-OPs gelten als therapeutisches Mittel zur Steigerung des Selbstwertes; Wenn selbst schon Kinder eine unnatürliche Körperbetontheit erlernen, wenn das in seinen Augen wichtigste Merkmal eines Mannes sein Waschbrettbauch ist… dann bin ich umso froher über unsere Gesellschaft, in der das Streben nach Selbstverwirklichung größer geschrieben wird, als das nach dem perfekten Aussehen.

Das mit einer simplen Arschfixierung abzutun ist sicher falsch. Denn Brasilien ist auch ein Land mit unverhältnismäßig großem sozialen Gefälle, in dem sozialer und ökonomischer Aufstieg, Bildungs- und Chancengleichheit für die meisten Bürger unerreichbar sind und „nach wie vor auf einer Skala der Hautfarbe abgelesen werden können“*¹ Da wundert es kaum, wenn sich die Prioritäten an eher zugänglichen Werten wie dem eigenen Aussehen orientieren, das man mit kleinen Investitionen – auch auf Raten – nach Belieben modifizieren kann…

Ich schlürfe jetzt noch ein paar Caipirinhas und schaue mir die Arschparade an. Vor mir trainieren angestrengt ein paar muskulöse Jungs an einem der vielen Recks, die die Strandpromenade zäunen. Ich bin froh, dass mein Freund neben mir ganz normal ist. Genauso wie ich es schön finde! 

*¹ Exklusion im Zentrum, S. 116, Eberhard Rotfuß

 

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